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Wie man auf einer einsamen Insel überlebt

von 27. August 2019 Keine Kommentare

Eine Abenteuergeschichte über Exploration und Exploitation

Wir werden häufig gebeten, den Unterschied zwischen explorativen und exploitativen Handlungsweisen zu erklären. Das stellt uns vor folgende Wahl:

(a) Halte ein staubtrockenes, superkompliziertes Referat

(b) Erzähle eine Abenteuergeschichte, mit Riesenkraken, einsamer Insel, Krokodilen und Vulkan.

Da wir bei SYNK GROUP und LEADA einen Hang zum Exotischen pflegen, entscheiden wir uns grundsätzlich immer für Variante (b).

Im Laufe der Zeit haben wir festgestellt, dass unsere kleine Geschichte gut ankommt. So gut, dass wir sie im AGILE POWER GUIDE nacherzählt haben – und hier (in einer leicht romantisierten Form) mit dir teilen wollen. Viel Spaß damit!

Arrgh: ein Riesenkraken! Foto: Pixabay

Schiffbruch!

Ein kleines Expeditionsschiff ist in Gewässern unterwegs, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Eines Mittags, während die Mannschaft in der brütenden Hitze auf Deck döst, schießen vier Eisenbahnwagen-große Tentakel aus der Tiefe, umschlingen den Schiffskörper und wirbeln ihn hin und her. Ein Riesenkraken! Die Mannschaft kann nichts tun. Das Seeungeheuer lässt nicht ab – weder Axthiebe noch Gewehrschüsse haben einen Effekt auf seinen Griff.

Der Kapitän gibt schließlich Befehl, ins Rettungsboot zu steigen. Keine Sekunden zu früh! Kaum hat sich die Mannschaft ein paar Ruderschläge entfernt, als die gigantischen Tentakel beginnen, das Schiff langsam, aber unnachgiebig zu zermalmen. Mit Tränen in den Augen sehen die armen Expeditionsteilnehmer ihren Kahn in den Tiefen des Ozeans versinken.

Gerettet ..!

Ein paar Tage treiben die Schiffbrüchigen auf dem offenen Meer. Dann, eines Nachmittags, zeichnet sich am Horizont ein flimmernder Streifen ab. Eine Insel! Mit neuem Mut greifen sie ihre Riemen. Im ersten Morgengrauen erreichen sie das Eiland: eine kleine, offenbar unbewohnte Insel, umgeben von weißen Sandstränden. In ihrem Inneren wachsen dichte Wälder, in ihrer Mitte ragen drei kahle, graue Gipfel hervor.

Jubelnd, lachend und weinend gehen die Schiffbrüchigen an Land. Einige strecken die Hände dankbar gen Himmel; andere werfen sich zu Boden und küssen den Sand. Sie leben! Und sie befinden sich an einem Ort, der über die nötigsten Ressourcen zu verfügen scheint.

Foto: Pixabay

Was tun?

Innerhalb weniger Stunden errichten sie ein provisorisches Lager am Strand: Sie basteln wacklige Unterstände aus dünnen Ästen und legen flache Kuhlen mit Bananenblättern aus. Zum Abendessen gibt’s süße Kokosnüsse und bittere Algen. Der Unterschlupf ist alles andere als perfekt, bietet aber immerhin Schutz vor den nächtlichen Besuchen der sabbernden Insel-Krokodile. Fürs Erste könnte das klappen.

In den folgenden Wochen haben die Expeditionsteilnehmer zwei Optionen:

  1. Sie bleiben in ihrem Lager am Strand. Sie bauen das Lager aus – errichten einen Palisadenzaun und Hütten, legen an der Waldgrenze einen Obst- und Gemüsegarten an und arbeiten unermüdlich daran, ihre Situation zu verbessern. Wer weiß: Vielleicht bauen sie in ein paar Monaten ein Boot und machen sich auf die Heimreise.
  2. Sie schwärmen aus und erforschen die Insel. Sie sammeln Riesenbananen und wilde Beeren, entdecken eine verwunschene Lagune und prügeln sich fortwährend mit den hungrigen Insel-Krokodilen. Kurzum: Sie setzen alles daran, die Geheimnisse der Insel zu erkunden, auch, wenn sie dabei einige Risiken eingehen müssen. Wer weiß: Vielleicht finden Sie in ein paar Monaten eine versteckte Bucht, in der ein altes, aber seetüchtiges Boot vor Anker liegt!

Exploitation vs. Exploration

Die erste Gruppe wählt einen exploitativen Ansatz: Sie versucht, die vorhandenen Strukturen effizienter zu machen, um aus den vorhandenen Ressourcen so viel wie möglich herauszuholen. Dabei werden Risiken und Unwägbarkeiten so weit wie möglich minimiert.

Die zweite Gruppe wählt einen explorativen Ansatz: Sie versucht, neue Strukturen und Ressourcen zu entdecken. Dass sie dabei Risiken eingehen und Unwägbarkeiten begegnen, ist eingepreist.

Der Unterschied zwischen diesen Ansätzen lässt sich als Unterschied in der Varianz beschreiben: Die erste Gruppe versucht, vorhandene Prozesse und Strukturen so weit zu perfektionieren, dass die Varianz so gering wie möglich ausfällt. Die zweite Gruppe hingegen setzt auf komplett neue Prozesse und Strukturen und, dementsprechend, auf maximale Varianz.

Oh no: ein Vulkan! Foto: Pixabay

Der Twist

Wie schön wäre es, wenn unsere Schiffbrüchigen sich für eine von beiden Optionen entscheiden könnten! Aber, schlechte Nachrichten: Das geht nicht – weder auf einsamen Inseln noch im Geschäftsleben. Hundertprozentig exploitative oder hundertprozentig explorative Handlungsweisen gibt es (fast) nicht. Stattdessen begegnen wir Mischformen.

So geht’s auch unseren Schiffbrüchigen: Kaum haben sie einen behelfsmäßigen Zaun errichtet, der sie vor den nächtlichen Angriffen der mordlüsternen Insel-Krokodile schützt, als sie feststellen, dass der Gipfel, der ihrem Lager am Nächsten ist, verdächtig raucht und glimmt. Ein Vulkan!

Die Frage ist nicht, ob dieser Vulkan ausbricht, sondern wann. Und wenn es soweit ist, dann wird er das provisorische Lager der Schiffbrüchigen in eine Art Dauerleihgabe aus Pompeji verwandeln.

Damit befinden sich die Schiffbrüchigen in einer verzwickten Situation: Sie müssen exploitativ handeln, also ihr provisorisches Lager erhalten und verbessern, um sich vor den nächtlichen Angriffen der Insel-Krokos zu schützen. Aber gleichzeitig müssen sie auch explorativ handeln, also die Insel erforschen und mögliche neue Lagerplätze erkunden, weil klar ist: Ihr jetziges Lager hat ein Verfallsdatum (bzw.: Verschüttungsdatum).

Die meisten Unternehmen finden sich früher oder später in einer ähnlichen Situation wieder: Was gestern lukrativ war, taugt zwar noch – aber nicht mehr lange. Gleichzeitig ist unklar, wie es weitergeht.

In diesen Situationen braucht es Strategien, die sowohl exploitativ als auch explorativ sein können. Sie müssen sowohl das Bestehende pflegen und optimieren als auch das Neue entdecken und kultivieren.

Um diese Herausforderung erfolgreich zu meisten, braucht es freilich ein besonderes Skillset – die Ambidextrie.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Udo Krauß, Christophe Braun

Dieser Text basiert in Teilen auf einem Text, der im AGILE POWER GUIDE erschienen ist. Mehr Infos findest Du hier.


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